Kastration

 

Um dem Hundehalter Vorteile in der Haltung zu versprechen, empfehlen Tierärzte auch heute noch die Kastration als Mittel der Wahl. Sie preisen sie als medizinisch notwendig an und stützen dies auf die Verhütung von Mammatumoren der Hündin oder um Scheinträchtigkeiten oder Gebärmutterentzündungen vorzubeugen. Jedoch bieten weder die Scheinträchtigkeit, noch die Gebärmutterentzündung die medizinische Notwendigkeit für eine Kastration.

 

In der letzten Zeit lassen neue Erkenntnisse ein Umdenken stattfinden, das für besorgte Welpenkäufer und Hundehalter Fragen aufwirft, denn der Eingriff in den Hormonhaushalt kann ein Zellwachstum begünstigen, das das Risiko anderer Krebsarten um ein Vielfaches erhöht. 

 

Unter der Kastration (lat.: castro, castratus für schwächen, berauben, entnehmen, entkräften) versteht man die operative Entfernung der Keimdrüsen, also der Hoden des Rüden und der Eierstöcke und Gebärmutter der Hündin.

 

Rechtlicher Aspekt:

Die Kastration eines gesunden Hundes ist geschlechtsunabhängig nach § 6 Abs. 1 des Tierschutzgesetzes ebenso wie das Kupieren von Ohren und Ruten ausdrücklich verboten. (Das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres). 

 

Kastration beschleunigt den Alterungsprozess 

Die Geschlechtsorgane produzieren die Hormone Testosteron und Östrogen. Beide Hormone sind im gegenseitigen Einklang bei beiden Geschlechtern vorhanden, da sie Teil des gesamten Hormonspiegels sind. Beim Rüden herrscht Testosteron vor und bei der Hündin Östrogen. Das Wegfallen der Geschlechtshormone läutet die Menopause bzw. den Alterungsprozess ein.

 

Störung des Wachstums - ewiger Welpe?

Die Pubertät ist der hormonelle Einfluss von Wachstum und Entwicklung und eine unentbehrliche Phase, in der sich Charakter, Nervenkostüm, Knochen und Gelenke festigen. Erst nach Ende der Pubertät sind das Längenwachstum der Röhrenknochen beendet und die Wachstumsfugen restlos geschlossen. Diese Phase wird durch die (Früh)Kastration beendet und die Vollendung der körperlichen und geistigen Reife verhindert. Um die Spätfolgen für diese Junghunde zu erahnen bedarf es nicht viel Phantasie, denn die körperliche und geistige Entwicklung ist rassespezifisch erst nach der 3. Läufigkeit einer entsprechenden Hündin abgeschlossen.

 

 

Veränderung der körperlichen Konstitution

Hormone sind Botenstoffe, die über den Blutkreislauf sämtliche körperliche Funktionen regeln. Das Entfallen eines Hormons ist geeignet, den gesamten Hormonspiegel in Ungleichgewicht zu bringen. Die Nebennieren, Schilddrüse, Hirnanhangdrüse und Bauchspeicheldrüse sind vom hormonellen System betroffen und steuern das Immunsystem. Eine erhöhte Infektanfälligkeit, Zellentartungen, Schilddrüsenunterfunktion, Knochenkrebs, Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, Mildztumoren sowie Harninkontinenz sind häufige Nebenwirkungen von Kastrationen. Ebenso treten HD und Kreuzbandrisse bei kastrierten Hunden deutlich öfter auf.  

 

Die Kastration kann keinen erzieherischen Wert haben

Unerwünschtes Verhalten lässt sich nicht wegkastrieren. Eine Kastration hat zwar eine Wesensänderung zur Folge, die aber (auch durch den Tierarzt) nicht eingeschätzt werden kann. Durch die fehlende Östrogenproduktion kann eine Hündin durch den verbleibenden Testosteroneinfluss "rüdisches" Verhalten entwickeln und dominant oder aggressiv werden. Der kastrierte Rüde kann durch fehlendes Testosteron ängstlich und unsicher werden oder Angstaggressionen entwickeln. Die Kastration wird bestehende Probleme also nicht zwangsläufig verbessern sondern kann sie durchaus auch verstärken oder neue Probleme herbeiführen.

 

Kastraten als Mobbingopfer 

Hunde definieren sich über ihren Geruchssinn, der ihnen die Kommunikation ermöglicht, um Konflikte ihrer Art entsprechend zu lösen. Die Kastration nimmt ihnen diese Fähigkeit, denn durch die Geschlechtsneutralität und das Fehlen der Duftstoffe wird ihre Gleichwertigkeit in Frage gestellt. Um sich gegen Provokationen unkastrierter Hunde zur Wehr zu setzen, kann es zu Stress und Angstaggressionen kommen. Viele Kastraten ziehen sich aus dem Sozialleben zurück oder sie kompensieren den Verlust ihres sexuellen Wertes durch andere Leidenschaften wie Fress- oder Jagdlust.

 

Die betagte Graunase

Die vorgezogene Alterung lässt den Energiebedarf des noch jungen Hundes sinken, aber das Fehlen der hormonellen Fressbremse hat Dauerhunger zur Folge. Fettleibigkeit und Kastratenfell, bei dem das filzende Unterfell das Deckhaar überwuchert, sind typische Merkmale eines kastrierten Hundes, der deutlich vorgealtert erscheint. 

  

Die chemische Kastration (Suprelorin-Implantat oder Kastrations-Chip) wird oft probeweise für Rüden verwendet. Für einen dauerhaften Einsatz ist sie nicht geeignet, da sie ebenso in den Hormonhaushalt eingreift und ähnliche Nebenwirkungen zur Folge hat. 

 

Im Sinne des Tieres sollte eine Kastration ausschließlich als lebensrettende Maßnahme in medizinischer Notlage betrachtet werden, nicht aber als Freikarte für Bequemlichkeit.

Die Unversehrtheit des Hundes sollte erstrangig in der Entscheidung des verantwortungsvollen Hundehalters sein. Die Sorge um Bluttropfen auf dem Teppich, bequeme Haltung oder fehlendes Interesse an der Erziehung bieten ethisch keine Rechtfertigung. 

 

Sterilisierung

Sollte ausschließlich die Verhütung der Fortpflanzung angestrebt werden, bietet die Sterilisierung eine gute Möglichkeit, denn sie macht den Hund unfruchtbar. Da bei diesem Eingriff die Samen- beziehungsweise Eileiter durchtrennt, aber keine Organe entfernt werden, bleiben die körperlichen Anlagen unbeeinflusst.

 

Ich verweise mit freundlicher Genehmigung auf den Blog von Tierarzt Ralph Rückert,

"Die Kastration beim Hund - Ein Paradigmenwechsel -" 

und die fachlichen Ausführungen von Marc Buchtmann (wir Hunde) zu diesem Thema. 

www.tierarzt-rueckert.de/blog/details_1489_3_18951.html 

http://www.wir-hunde.de/der_ruede.htm 

http://www.wir-hunde.de/die_huendin.htm